
Die Hoffnung haben wir
als einen sicheren
und festen Anker unsrer Seele.
Hebräer 6,19
„Die Hoffnung stirbt zum Schluss!“
Wer kennt diesen Spruch nicht, den es in vielen Sprachen gibt („Hope dies last“) und wer hat ihn nicht sogar häufiger mal verwandt? Dabei geht es manchmal nur um Kleinigkeiten, wie etwa unsere Hoffnung auf gutes Wetter für das Grillen im Freien mit Freunden oder mit der Familie am nächsten Wochenende. Doch auch diese einfachen Beispiele geben schon einen wichtigen Hinweis auf unser Verständnis von Hoffnung. Sie bezieht sich auf die Erwartungen, die wir nicht in der Hand haben, die wir zwar wünschen, aber zu deren Erfüllung wir wenig oder gar nichts beitragen können. Und in der Erkenntnis unserer eigenen Machtlosigkeit, vor allem in Lebenskrisen und bedrohlichen Situationen, bleibt am Schluss die Hoffnung als letzter Anker.
Hoffnung ist immer auf die Zukunft gerichtet und ihre Schwester ist die Erwartung. Da erinnere ich mich an einen mir nicht näher bekannten alten Herrn – vielleicht etwas älter als 80 Jahre. Dann und wann traf ich ihn, wenn er zu Besuch bei einem Bekannten in der Straße sein Auto abstellte. Einmal fasste er einen Arztbesuch, der ihn wohl auf sein Leben blicken ließ, mit einer Frage zusammen: „Was habe ich noch zu erwarten?“ - Ich erahnte seine Antwort...
Die Schwester der Hoffnung ist nicht selten auch mit einer negativen Erwartung und mit der Hoffnungslosigkeit befreundet. Aber auch die Hoffnung selbst wird etwa vom Philosophen Friedrich Nietzsche (1844-1900) nicht freigesprochen vom Betrug, als eine Vertröstung auf ein vorgetäuschtes besseres Morgen. Muss man ihm nicht sogar zustimmen, denn wer das oben genannte Sprichwort anwendet, benutzt es doch nicht selten als wenig begründbaren Trost, oftmals in Leidenszeiten des Lebens?
Der Verfasser des neutestamentlichen Hebräer-Briefes (um 70 n.Chr.) und ungefragter Geber des Monatsspruchs würde entschieden widersprechen. Für ihn ist Hoffnung nicht ein Medikament, das eingesetzt wird, wenn „Matthäi am Letzten“ ist, wenn also in einer konkreten Situation nur noch eine spezielle Art des „Daumendrückens“ helfen soll. Als Angehöriger eines Seefahrervolkes (Griechen) und vermutlicher Bewohner einer Hafenstadt, wusste der Briefschreiber darum, dass ein Schiff in den immer wiederkehrenden Stürmen mit einem guten Anker gesichert wird. Er benutzt dies als Bild aber nicht für einen aktuellen Lebenssturm, sondern für eine grundsätzliche Verbindung des gesamten Lebens mit Gott. Krisen in vielfältiger Form werden kommen, genauso wie es sehr gute, sonnendurchflutete Lebensphasen gibt. Aber immer ist auf dem Lebensschiff des Glaubens der Anker an Bord, der eingesetzt wird, nicht als Vertröstung, sondern als Halt. Der Blick auf den Anker eines Schiffes erkennt immer auch das Ziel – den Hafen. Die Ankerkette reicht in die himmlische Welt und findet schließlich ihr Ende in Gott. Jesus selbst als der Christus Gottes hat sie dort festgemacht (s. letzter Teil v. Vers 19), davon ist der Schreiber des Hebräerbriefes überzeugt. Und er weiß darum, dass das Lebensschiff mit dieser Ankerkette an Bord nicht durch den permanenten Sonnenschein segelt, sondern immer wieder Stürme erlebt und am Ende sogar sinken wird. Aber nicht zufällig schreibt er nicht vom Anker des Lebens, sondern vom Anker der Seelen. Vielleicht ist das ein Bild für das, was bleibt, wenn nichts mehr von uns bleibt. Darum „Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken; denn er ist treu, der sie verheißen hat“(Hebr.10,23), nicht nur im
Mai Anno Domini 2026
© D.E.
