Besser eine Hand voll mit Ruhe
als beide Fäuste voll mit Mühe
und Haschen nach Wind.
Prediger 4, 6
Wer will bestreiten, dass unser Leben ein ständiger Kampf auf vielen Ebenen ist? Schon in der ersten Minute unseres Lebens sind wir zahlreichen biologischen Angriffen etwa auch von Viren und Bakterien oder äußeren sozialen Bedrohungen ausgesetzt. Und am Ende vieler Leben fassen Angehörige und Freunde in den Trauermitteilungen die letzten Jahre oder Monate mir dem auf das ganze Leben erweiterbaren Satz zusammen: „Gekämpft, gekämpft und doch verloren.“
Vor uns und hinter uns liegen die vielen großen und kleinen Kämpfe etwa im Ringen um das gesundheitliche Überleben und nicht zuletzt um unseren Platz in der Welt. Oft boxen wir uns erfolgreich durch, auch mit verletzenden Folgen für unsere „Gegner“, vielleicht im Familienkreis, in der Schulzeit oder später im Berufsalltag. Dort kämpfen wir nicht selten um unsere Position, eine bessere Stellung und/oder um Anerkennung, die sich oft beruflich an der Gehaltsgruppe festmacht. Wer alt genug ist erinnert sich noch an die Sparkassen Werbung (1996): „Mein Haus, mein Auto, mein Boot – und wie ist das bei dir?“. So wird die nächste Runde des Kampfes eingeläutet und dann gerne etwas schlagkräftiger.
Ich weiß nicht, ob der oder die Verfasser des über 2000 Jahre alten biblischen sog. „Prediger-Buches“ einen Boxer vor Augen hatten (Faustkämpfer gab es tatsächlich schon im alten Mesopotamien!), aber im ausgewählten Monatsspruch geht es jedenfalls um einen gelingenden Lebenskampf, der sich oftmals im immer mehr Habenwollen auszahlen soll! Das ist ein uraltes Menschheitsthema und wird es immer bleiben. Der Psychoanalytiker Erich Fromm beschrieb es in der von ihm so benannten Alternative „Haben oder Sein“ (Buchtitel 1976) Genau das ist es, was auch der Prediger mit seinem Vergleich meint und das in den Rat gefasst werden könnte: „Weniger ist mehr Leben“. Der Prediger verweist auf den Preis einer Haben-Lebensweise. Streben nach Mehr macht Mühe und Stress, aber die Zufriedenheit mit dem Gegebenen schafft Seelen-Ruhe.
Nicht anders hat es Jesus von Nazareth, der der Christus Gottes wurde, beurteilt: „Seht zu und hütet euch vor aller Habgier; denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.“ (Lukas 10,15)
Aber soweit die jahrtausendealte Mahnung. Doch wie gebe ich meine Haben-Orientierung praktisch auf? Oder in der Boxer-Sprache: Wann werfe ich endlich das Handtuch in den Ring und beende selbst diesen Kampf? Denn der Prediger weist auch darauf hin, dass auch ein über viele Runden gehender Kampf letztlich nicht zu gewinnen ist, denn niemand fängt am Ende den Lebenswind ein! Und mit Boxhandschuhen, in denen die geballten Fäuste stecken, kann man schlicht gar nichts festhalten!
Haben Sie übrigens schon beachtet, dass ein Boxer seine Handschuhe nicht alleine an- oder ausziehen kann? Er braucht immer jemanden, der das für ihn macht. So ziehen Eltern ihren Kindern schon früh die „Haben-Handschuhe“ an und schicken sie in den Konsum-Kampf. Oder sie leben ihnen vor, dass es lebens- und darin lohnenswert ist, sich mit der offenen ruhigen Hand für Bescheidenheit, Mitmenschlichkeit und Zufriedenheit einzusetzen und die Frage nach dem >Wer bin ich?< nicht mit der Antwort: >Das habe ich< zu beantworten.
Damit steht die Kritik am Reichtum, der erarbeitet wurde oder den man in einer Erbengesellschaft erhält, jedoch nicht im Vordergrund oder wird gar zum Konzept. Vielmehr soll jenes verbissene Kämpfen um das Haben als Lebensorientierung aufgegeben werden, „denn was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden zu nehmen an seiner Seele?“(Markus 8,36) So sagte es auch Jesus.
Lassen wir uns die Handschuhe ausziehen und einen anderen Kampf aufnehmen, den der Apostel Paulus empfiehlt: „Kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben…“ (1.Tim.6,12). Diesem lebensverändernden Kampf wird ein Sieg zugesagt, der uns schon jetzt Zuversicht und Ruhe ermöglicht, - nicht nur im
September Anno Domini 2026
© D.E.

