Christusgemeinschaft
Oer-Erkenschwick e. V.

Monatsgedanken

Monatsgedanken Juli 2023

Feindesliebe 2307 Fotor
 
Jesus Christus spricht:
Liebet eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen,
damit ihr Kinder eures Vaters
im Himmel werdet
 (Matthäus. 5, 44-45)

So einfach geht Konfliktlösung! Oder ist das nicht doch nur ein schöner Spruch?

Im Blick auf diesen Monatsspruch ist es nicht ganz unwichtig zu erwähnen, dass die Herrnhuter Losungen, die in christlichen Kreisen mit ihren jeweiligen Tages- und Monatsworten sehr verbreitet sind, nicht extra für ein Zeitgeschehen ausgewählt werden. Die biblischen Worte werden jeweils für ein ganzes Jahr in Herrnhut (Gemeinde und Gemeinschaft in der Oberlausitz) buchstäblich ausgelost und stehen dann zufällig an ihrem Kalenderplatz.

Was soll man nun zum Juli-Wort in rund 70 Zeilen umfassend schreiben? Der Widerspruch zwischen der von Jesus vertretenen Feindesliebe und dem menschlichen Handeln in Kriegen und Konflikten könnte aktuell wohl krasser kaum zu Tage treten. Das damit verbundene riesengroße Thema, das mit allen Facetten beinahe ganze Bibliotheken füllt, ist allerdings zeitlos und variiert über die zurückliegenden beiden Jahrtausende vor allem „nur“ in der Dimension der Waffen, mit denen Menschen aufeinander losgehen. Aber die Ausmaße der kriegerischen Auseinandersetzungen haben sich gewaltig vervielfacht und bisher schließlich in zwei Weltkriege gemündet. Zudem könnte man den Pessimismus noch mit der Vermutung steigern, dass mit jedem neugeborenen Menschen auf diesem Planeten potentiell ein neuer Feind die Weltbühne betritt. „Make love not war“ und „Frieden schaffen ohne Waffen“ – diese nicht neuen und sehr bekannten Slogans erweisen sich in der Praxis nicht gerade als Erfolgsgeschichte. In unserer Epoche haben wir sogar die Methoden des Hasses und des Krieges weiter elektronisch optimiert. Zudem helfen die sog. sozialen Medien dabei, dass jeder seine „kleine“ Feindschaft gegenüber anderen Menschen ausdrücken und verbreiten kann.
Gibt es wirklich keinen Ausweg? Sind Zwietracht und Streit vielleicht genuine Kennzeichnen der Menschen? Hat die geforderte Liebe tatsächlich keine Chance?

Unbestreitbar ist der aufwändige Einsatz für den Frieden, der vielen Menschen sogar nicht weit genug geht. Sei es auf der Ebene der heutigen Vereinten Nationen (UNO) oder in den vielen, teils privaten Initiativen. Immer wieder gingen und gehen weltweit hunderttausende Menschen der Friedensbewegung auf die Straße. Das war 1983 so als ein gewisser Olaf Scholz als einer von vielen in Bonn gegen den NATO Nachrüstungsbeschluss auf die Straße ging. Das war in den Balkankriegen der 90iger Jahre so mit ungezählten Friedenskonzerten und Demonstrationen. Die Aufzählung ist mit dem mit einer Lüge begonnenen IRAK Krieg 2003 aber noch lange nicht geschlossen und wird auch nie vollständig sein. So muss man vielleicht mit der linken Zeitung WOCHENTAZ  zusammenfassen: „Es ist nicht viel. Es ist nur ein letzter Rest von pazifistisch motivierter Humanität, den man in Zeiten des Krieges einfordern kann. Nein, muss.“ Also spielen wir das Lied von Liebe und Frieden, wie die Kapelle auf der Titanic?
Jesus war und ist nicht der Bandleader dieser Liebe. Er stellte keine Ideale für eine neue Weltordnung auf, die man damals wie heute als gestaltungsfähige Parolen verkaufen könnte. Er kennt aus seinem eigenen Jüngerkreis jene lieblose Humanität, die sich zu allererst im persönlichen Bereich - manchmal unerwartet mit Verrat und Gewalt - Bahn bricht (Lk 22,50) Für Jesus ist das keine Überraschung, denn er weiß darum, dass letztlich aus dem Herzen des Menschen das Böse erwächst also quasi zu dessen Humanität gehört (Matth. 15,19). Menschliche Liebe ist eben nicht vorbehaltlos, oft zweckgebunden und temporär. Daher sagte Jesus: „Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden?“ (Matth.5, 47) Um zu dieser Ansicht zu gelangen, muss allerdings nicht die christliche Perspektive eingenommen werden. „Der Mensch ist des Menschen Wolf“, so formulierte es in Anlehnung an ein römisches Sprichwort der Philosoph Thomas Hobbes (1588-1679) und baute darauf eine bis heute beachtete gewaltmonopolbasierte Staatstheorie auf.
Der Monatsspruch des Jesus Wortes verlangt tatsächlich Unmenschliches. Wie gehen wir damit um? Wer Jesu Aussage nicht nur als ideologische Dekoration für fruchtlose Debatten und Hoffnungen verwenden will, der muss zunächst die Blickrichtung ändern und sie in den Kontext der biblischen Botschaft stellen. Es geht zuerst um das Aufsehen zum „Himmel“, zu Gott. Er ist der Vater der Liebe nach biblischem Zeugnis. Dieses „Erbgut“ steht auch seinen Kindern zu. (1.Joh.4, 15) Aber es setzt sich nicht automatisch durch, sondern bedarf einer gottgewirkten Wesensveränderung, die aus der Zuwendung des Menschen zu Gott erwächst. Wir müssen uns als Gottes Kinder dieser Liebe öffnen.
Bloße Feindesliebe zu fordern ist im historischen Kontext betrachtet nicht einmal christlich, wie Dietrich Bonhoeffer einmal hervorhob (DBW Band 10, Seite 328 f). Aber sie Wirklichkeit werden zu lassen ist nur in der bewussten Hinwendung zu dem möglich, der die Forderung des Vaters erfüllte und zum Christus wurde. (Hebr.12) Dass wir täglich merken, dass wir selbst, wenn wir uns bemühen, in die Fußstapfen des Jesus Christus nicht hineinpassen, wusste der Mann am Kreuz genau, an dem aber unser Versagen  gut aufgehoben ist,

auch im Juli Anno Domini 2023

© D.E.